PT #04: – Warum (fr)isst du? –

[ Gedanken & Fragen ]

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Essen versus Fühlen

Wir essen, um nicht zu fühlen und fühlen nicht, weil wir essen. Wir wünschen uns heutzutage so unglaublich vieles, aber unsere Gefühle zu fühlen gehört nicht dazu. Wir wollen so sehr spüren, aber sind nicht bereit zu fühlen. Und so haben wir es uns angewöhnt, bei jedem kleinsten Hauch von Unbehagen ganz automatisch zum nächstbesten Ablenkungsmanöver zu greifen. Und nutzen alles, was wir in die Finger kriegen (Essen), um uns abzuschirmen von uns selbst und um Distanz zu unseren Gefühlen zu schaffen. Damit wir ja keinen Funken von Langeweile oder Angst oder Einsamkeit fühlen müssen. Wir essen und fressen und unsere Emotionen türmen und stappeln sich in uns. Mit jedem Essanfall stopfen wir nämlich nicht nur ein nächstes Gefühl in unser rap-pelvolles Gefühlsglas, sondern generieren dabei sogar noch weitere. Enttäuschung, Ekel, Scham und Schuld, die - wie ihr euch vorstellen könnt - natürlich auch wieder weggegessen werden wollen. Ein Mechanismus, der Lücken aufweist und uns nicht nur nicht vor emotionalem Ballast bewahrt, sondern unsere emotionale Schwere genauso wie unsere körperliche noch verstärkt. Solange du dich also an diesem Schutzmechanisus festhältst und nicht bereit bist zu fühlen, wird es dir schwer fallen deine Essattacken loszulassen. Und genau davon bist du nur eine einzige Entscheidung weit entfernt. Fühlen oder essen?


Kontrolllosigkeit und Selbstfürsorge

Wir sind im täglichen Leben oft so sehr streng mit uns, dass wir in vielen Fällen gar keinen anderen Ausweg sehen als uns unglaublich voll zu essen, um uns endlich entspannen zu können. Wir stopfen uns so unfassbar voll, damit uns gar nichts anderes übrig bleibt als endlich eine Pause zu einzulegen. Eine Pause zu machen, von unseren Regeln, Pflichten, Ansprüchen und Ambitionen. Von unserem Bedürfnis nach Kontrolle und unserem Anerkennungsstreben. Was uns ja paradoxer Weise eigentlich dabei unterstützen sollte, uns mehr entspannen zu können. Wir halten unsere Zügel so fest, dass wir jede Chance ergreifen und jeden Essanfall nutzen, um sie wieder ein Stück weit loslassen zu können. Um dich ein Stück weit gehen zu lassen. Um Leichtigkeit zu spüren, und Freiheit. Und für einen kurzen Atemzug kann sich deine Essattacke wie eine tiefe, erleichternde Ausatmung anfühlen. Wie ein Moment der Rebellion, der Selbstfürsorge und der Selbstliebe. Was jedoch nach deinem Überessen passiert ist wiederum das Gegenteil von Freiheit. Beklemmnis. Einschränkung. Enge. Rück-zug, Einsamkeit. Ein weiteres Paradoxon. Dass das Resultat von jedem Essanfall das Gegenteil von dem ist, was du damit in erster Linie bezwecken wolltest. Wir bringen uns selbst dazu, uns unfrei zu fühlen, wollen uns dann von unserer eigens auferlegten Unfreiheit befreien und fühlen uns letztensendes noch eingeschränk-ter und noch mehr in die Enge getrieben als zuvor. Was also hat dich ein so kontrolliertes Leben erschaffen lassen? Wovor fürchtest du dich und wie kannst du deine Zügel loslassen, ohne dich überessen zu müssen?


Erdung

Wir verbringen unglaublich wenig Zeit tatsächlich in unseren Körpern. Selbst in Momenten der Bewegung, die Körperbewusstsein erfordern, finden wir einen Weg, um nicht fühlen zu müssen. Wir sporteln und hören laute Musik, wir spazieren und hören Podcasts. Wir leben in unseren Köpfen, von wo aus wir analysieren, philoso-phieren und ausklügeln können. Von wo aus wir alles können, aber nicht fühlen müssen. Mittlerweile kann ich ganz besonders auch in spirituellen Kreisen erkennen, wie persönlich Weiterentwicklung dazu benutzt wird, weiterzukommen ohne tiefer zu fühlen. Wir wollen nicht mehr stehen bleiben, uns keine Zeit mehr nehmen, nicht mehr in die Tiefe gehen. Und leben schneller, höher, weiter. Eine Art und Weise zu leben, die wenig mit Erdung zu tun hat. Und noch dazu versuchen wir mit leichter Ernährung unseren schweren Essanfällen ent-gegenzuwirken. Was uns in einem Hamsterrad von rohem Obst und Gemüse, vielen Salaten und Säften und unseren Essattacken feststecken lässt. Essattacken, die dir helfen sollen, nicht nur stehenzubleiben, sondern dich körperlich geerdet zu fühlen. Deine Bodenhaftung zu bemerken und deine Wurzeln zu spüren. Welche Schraube deiner Lebensweise könntest du drehen, um dich geerdeter zu fühlen?

Frisst du, um dich zu nähren?

Wie wir in den letzten Abschnitten schon detailreich besprochen haben, gehen wir viel lieber nach außen als nach innen. Bevor wir uns also die Mühe machen, unsere eigenen körperlichen Bedürfnisse zu untersuchen und zu inspizieren, folgen wir lieber Ausschnitten von fremden Ernährungsweisen. Und wundern uns, warum wir uns weder voll und erfüllt noch satt und genährt fühlen. Wir versuchen uns essenstechnisch einzuschränken, um anders auszusehen, um uns anders fühlen zu können. Anstatt uns in erster Linie darauf zu konzentrieren, uns anders zu fühlen. Wir füllen Glas 1 und wundern uns warum sich Glas 2 nicht füllt. Wir wollen nicht spüren, uns anders fühlen und verlieren mehr und mehr die Verbindung wie das Vertrauen mit und in uns. Ernähren uns falsch, weil es bei anderen richtig aussieht. Ernähren uns falsch, um uns richtiger zu fühlen. Wir lassen unsere Köpfe die Entscheidungen über unsere physischen Bedürfnisse treffen und sind überrascht, dass sich unser Körper auf die Suche nach einer Möglichkeit gemacht hat, uns zu nähren und unsere Falsch-, Fehl- oder Mangelernährung auszugleichen. Isst du wirklich richtig für deine körperliche Konstitution oder wünscht du es dir bloß, richtig zu essen?

Du isst, was du glaubst

Ich bin wirklich überzeugt, dass all die unter euch, die mich kennen, diesen Part schon von mir erwartet haben. Und ja unser Leben ist einfach bloß ein einziger, riesengroßer Beweis von dem, was wir glauben. Unser Leben ist wie ein Film, zusammengebastelt aus unseren Glaubenssätzen. Und möchtest du herausfinden, was du wirklich glaubst, musst du bloß einen Blick auf dein Leben und deine Erfahrungen werfen. Was meinst du, kannst du jemals an dem Punkt ankommen, dich wirklich wohl in dir zu fühlen, wenn du den ganzen Tag vor dich hin murmelst, wie unwohl du dich in deinem Körper fühlst? Was denkst du, macht es mit dir, wenn du dir Tag ein Tag aus einredest, dass du einfach so bist, dass du einfach keine Kontrolle hast, keine Disziplin, keine Wahl? All diese Glaubenssätze, die zu festen Überzeugungen und Verhaltensweisen in dir geworden sind. Was könnte denn passieren, wenn du neue Glaubenssätze finden würdest, Glaubenssätze, die dich tatsächlich unterstützen dabei, das zu erleben, was erfahren möchtest?

Macht Essen dir wirklich Freude?

Wir Menschen haben so sehr vergessen, unser alltägliches Leben sich um die Freude drehen zu lassen, dass wir mit dem Überessen ein wenig Glücksgefühl und Genuss in unser Leben zurückholen. Das Essen soll unseren grauen Alltag wieder mit ein bisschen Freude einfärben. Mit Spaß, Befriedigung und Behagen. Was nicht nur eine kopftechnische Vorstellung, sondern eine chemische Tatsache ist. Käse, Kaffee, Fleisch, Süßigkeiten enthalten alle Glückshormone. Die auch für eine kurze Weile wirken und dir zu einem kleinen Glücksmoment verhelfen können. Und doch ist es paradoxer Weise auch hier wieder so, dass der Mechanismus, der dich von deinem tristen Alltagsleben befreien soll, letztenendes noch mehr Deprimiertheit und Depression, noch mehr von der Schwärze, vor der du flüchtest, in dein Leben bringt. Was könntest du also tun, um mehr Licht und Leichtigkeit und Spaß in dein Leben zu bringen? Wir kannst du Lebensfreude spüren, ohne essen zu müssen?

Essen als Schutzmantel oder sabotageakt

Wir wollen so sehr gefallen, es allen Recht machen, weiterkommen, Bestätigung einheimsen und doch einfach bloß in unserer sicheren Komfortzone bleiben. Einem Ort ohne Herausforderung, ohne Ablehnug und ohne Angst. Wir überessen uns, um Nein sagen zu können. Um Distanz zu schaffen. Um uns abgrenzen zu können. Mit jedem Essanfall lassen wir unsere Schutzmauer größer werden, die uns einerseits nach außen hin Sicherheit ver-schaffen soll. Eine Schutzmauer, die uns vor Nähe schützt, vor Verletzlichkeit und Verlustgefühlen. Eine Schutzmauer, die uns andererseits als Sabotageakt dienlich ist. Um nicht weitergehen und nicht wachsen zu müssen. Wo ist es jetzt Zeit für dich, deine Esssucht hinter dir zu lassen und in deine Kraft zu kommen?
Wo ist es jetzt Zeit für dich, deine Schutzmauern zu überwinden und deinen Ängsten zu begegnen?

*Fotocredits: Das wunderschöne Bild habe ich bei Anna unter www.instagram.com/annamariasei/ gefunden.